«Einmal mit dem Air Zermatt-Virus infiziert, kommst du nicht mehr so schnell weg»
Carmen Lauber ist seit 20 Jahren bei der Air Zermatt angestellt. Als einer der ältesten Mitarbeiterinnen der Firma hat sie verschiedene Epochen der Entwicklung, aber auch viel Veränderung im Personellen miterlebt.

«Air Zermatt, Carmen» - so schallte es fast zwei Jahrzehnte lang durch den Hörer, wenn in der Einsatzleitung das Telefon klingelte. Carmen war an der Front – zu Beginn 2003 als Neuling, später als Chefin der Einsatzleitung. Funken, telefonieren, Transport-, Rundflüge sowie Notfälle koordinieren und dabei vor allem eines; niemals den Überblick verlieren. Das hat die gebürtige Zermatterin in den letzten zwanzig Jahren gelernt und mit Leib und Seele umgesetzt.
«An meinem ersten Arbeitstag hiess es ‘hier ist der Drucker, hier das Telefon, hier das Fax. Wir sehen uns’. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, ich hatte keine Ahnung von der Arbeit mit dem Computer.» Erst einmal eingelebt, bildete die Einsatzleitung für Carmen ein Team, welches für sie in ihrer Arbeit massgebend war: «Wir hatten Tage, da flog uns alles um die Ohren. Wir haben jedoch in einer Konstellation gearbeitet, in der wir uns gegenseitig die Hand reichten und jeder wusste, was zu tun war.»
Am Abend seien sie jeweils nudelfertig gewesen, jedoch mit einem befriedigenden Gefühl, vollen Einsatz geleistet zu haben.
Stress konnte Carmen nie viel anhaben: «Ich drehe nicht gleich durch, wenns brenzlig wird. Das wäre auch nicht hilfreich in dieser Tätigkeit. Das beste Beispiel dafür war, als Zermatt vor einigen Jahren aufgrund von starkem Schneefall von der Aussenwelt abgeschnitten war und wir mit den Helis eine Luftbrücke bilden mussten. Die Leute sind förmlich durchgedreht und jeder wollte seinen Flug aus dem Thal. In diesem Chaos sind wir beinahe Tag und Nacht in der Einsatzzentrale gestanden. Aber es hat uns zusammengeschweisst und wird immer in Erinnerung bleiben.»
In den letzten zwanzig Jahren hat sich viel verändert. Carmen hat die Einsatzleitung mittlerweile verlassen und arbeitet nun im Rechnungswesen Rettungen: «Vor rund zwei Jahren hat sich dieser Wechsel geboten. Ich schätze es, dass es nun etwas ruhiger zu und her geht und ich flexibler bin. Allerdings fehlt der Jubel-Trubel der Einsatzleitung manchmal schon», lacht sie.
Die Zermatter Einsatzleitung hat sich neu gebildet, mittlerweile arbeiten drei Männer und vier Frauen im Herzstück des Heliport Zermatt. Für Carmen schön mitanzusehen, wie sich das Team neu bildet und die täglichen Herausforderungen gemeinsam meistert.
Weniger auf Zack, dafür mit Fingerspitzengefühl
Früher hat Carmen die Notfälle via Telefon entgegengenommen, heute ist sie für deren Abschluss verantwortlich. Sie prüft und versendet die Rechnungen, steht in Kontakt mit den Versicherungen sowie der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation (KWRO) und den Spitälern. Das Protokoll eines jeden Unfalls landet bei ihr auf dem Schreibtisch:
«Empathie ist in diesem Ressort noch viel wichtiger als im Job zuvor. In aussergewöhnlichen Fällen kontaktieren wir die Verunfallten, oftmals jedoch auch die Hinterbliebenen und Angehörigen. In einer so schwierigen Situation ist es wichtig, die richtigen Worte zu finden, gerade wenn es um bürokratische Angelegenheiten geht. Wir wollen schliesslich nicht taktlos erscheinen, wenn wir eine Rechnung verschicken.»
«Wir wollen nicht taktlos erscheinen, wenn wir eine Rechnung verschicken.»
Auch sei es nicht selten der Fall, dass Carmen die Leute persönlich kennt. Damit verbindet sie auch die prägendsten Erlebnisse in ihrer Karriere bei der Air Zermatt: «Jemandem, der dir nahesteht, eine traurige Botschaft zu überbringen, ist immer einschneidend. Wir können uns zwar distanzieren, doch es werden immer wieder Menschen verunfallen, die wir kennen oder und persönlich nahestehen.»
Carmen ist seit jung auf aktiv in den Bergen und im Hochgebirge unterwegs. Auch bei ihr selbst hat die Arbeit mit Verunfallten und Schwerverletzten über die Jahre hinweg etwas ausgelöst: «Früher war ich leichtsinnig, habe mir kaum Gedanken über mögliche Konsequenzen gemacht. Das ändert sich mit all den Fällen, die auf deinem Pult landen. Heute bin ich vorsichtiger unterwegs, besonders auf dem Bike.»
Einige Mitarbeitende der Air Zermatt haben Carmen über all die Zeit begleitet: «Nach 20 Jahren sind dies Beziehungen, in denen man sich blind vertraut.» Weshalb sie so lange geblieben ist? «Das weis ich selbst nicht!», lacht die 55-Jährige. «Wenn dich das Air Zermatt-Virus einmal gepackt hat, kommst du nicht mehr so schnell weg.»
Auch die schönen Erinnerungen kann Carmen nicht an einer Hand abzählen: «In den letzten zwei Jahrzehnten hat es Dutzende davon gegeben. Im Gedächtnis geblieben ist mir sicher der Tag, an dem ich mit dem Helikopter von Zermatt nach Paris fliegen durfte.»
Ausserdem habe ihr die Firma viel gegeben, einen erfüllenden Job und enge Freundschaften zum Beispiel: «Ich kenne wenige Betriebe, in denen das Verhältnis so familiär ist, wie hier. Ausserdem bin ich nach zwanzig Jahren immer noch stolz, sagen zu können, Teil der Air Zermatt zu sein.»









