Markus Schöbi: Der Pfarrer mit der zweiten Berufung
Markus Schöbi, Pfarrer der Seelsorge-Einheit Magdenau in Flawil, lebt ein ungewöhnliches Doppelleben: Zwei Wochen im Jahr tauscht er seine Stola gegen robuste Arbeitskleidung und wird Flughelfer bei der Air Zermatt. Als 61-jähriger katholischer Priester, der auch eine Pflegefachausbildung absolviert hat, lebt er auf diese Weise seine zweite Berufung. Die Zeit in Zermatt ist für ihn nicht nur eine Abwechslung, sondern eine Quelle der Kraft – körperlich, geistig und seelisch.

Vor 20 Jahren begann Markus Schöbis Reise mit der Air Zermatt, als er im Rahmen seiner Pflegefachausbildung ein Praktikum im Ambulanzdienst absolvierte. «Damals war es bei der Ambulanz zeitweise ruhig», erinnert er sich, «und die Flughelfer nahmen mich mit, um ihnen bei ihren Aufgaben zu helfen. Eins führte zum anderen.» Es war der Anfang einer Leidenschaft, die Schöbi bis heute in Atem hält.
Ein Traum aus Kindertagen
Für Markus Schöbi war das Helikopterfliegen schon immer ein Bubentraum. Doch was ihn über die Jahre wirklich in den Bann zog, war nicht nur die Faszination für die Technik oder die Fliegerei, sondern die Zusammenarbeit mit den Menschen, die diese Maschinen fliegen und bedienen. «Die Teamarbeit begeistert mich. Es wird nicht lange philosophiert, sondern gemacht. Man hat hier mit bodenständigen Menschen zu tun, und genau das erdet mich», sagt Schöbi.
Die Nähe zu den Menschen, die er als Flughelfer erlebt, unterscheidet sich oft von seiner Arbeit in der Pfarrei. «Man ist direkt bei den Problemen der Menschen. In der Pfarrei hat man nicht immer diese Nähe», erklärt er. Schöbi ist der Ansicht, dass seine Arbeit bei der Air Zermatt auch dem Team zugutekommt. «In ruhigen Momenten ergeben sich oft tiefe Gespräche mit den Mitarbeitenden über Lebensfragen, und ich habe immer ein offenes Ohr.»
Vom Gebet zum Betonieren
Seine Arbeit als Flughelfer geht weit über die Theorie hinaus. Schöbi ist ein vollwertiges Mitglied des Teams und packt überall mit an. «Ich binde Lasten, war schon beim Bau von Lawinenverbauungen dabei und helfe beim Betonieren», erzählt er stolz. Dabei verlässt er oft seine Komfortzone und nimmt körperliche Herausforderungen an, die für viele unerwartet erscheinen mögen.
«Wenn ich bei der Air Zermatt bin, bin ich am Abend körperlich müder als nach einem Tag in der Pfarrei», gibt Schöbi zu. „Am zweiten Arbeitstag habe ich oft fürchterlichen Muskelkater.“ Doch für ihn ist diese körperliche Erschöpfung eine willkommene Erfahrung, die ihm zeigt, dass er noch viel Kraft und Energie hat. «Das körperliche Schaffen tut mir gut, und im mentalen Bereich tanke ich viel Kraft», betont er.
Markus Schöbi opfert für diese zwei Wochen bei der Air Zermatt jedes Jahr seine Ferienzeit. Für ihn ist es jedoch kein echtes „Opfer“. «Diese Arbeit gibt mir mehr zurück, als ich geben muss. Sie ist eine Bereicherung», sagt er. Das Umfeld in seinen Pfarreien hat sich längst an den etwas unkonventionellen Pfarrer gewöhnt. «Ich arbeite zum Beispiel auch einen Tag pro Woche bei der Spitex. Wenn die Leute erfahren, dass ich bei der Air Zermatt als Flughelfer arbeite, schmunzeln sie nur und sagen ‚typisch Schöbi‘», erzählt er mit einem Lächeln.
Tiefe Gedanken in luftiger Höhe
Neben den körperlichen und geistigen Herausforderungen bleibt auch der seelsorgerische Aspekt nicht aus. Selbst bei schwierigen Einsätzen wie Leichenbergungen hat Markus Schöbi Trost und tiefere Einsichten gefunden. «Die Eindrücke, die ich dabei gesammelt habe, habe ich auch schon in meine Predigten einfliessen lassen», erklärt er. Die Unvorhersehbarkeit des Lebens ist für ihn ein zentrales Thema: «Innerhalb weniger Minuten kann sich ein Leben völlig verändern. Das ist eine Wahrheit, die mir hier sehr bewusst wird.»
Schöbis Doppelleben als Pfarrer und Flughelfer bringt ihn immer wieder in Kontakt mit Extremen – sowohl spirituell als auch praktisch. Ob beim Aufbau von Lawinenverbauungen oder den emotionalen Gesprächen mit dem Team: Markus Schöbi schafft es, zwischen Himmel und Erde zu wandeln, und gibt sowohl sich selbst als auch anderen dabei Halt.
Für ihn ist klar: Diese zwei Wochen bei der Air Zermatt sind viel mehr als nur eine Auszeit vom Alltag. Sie sind ein fester Bestandteil seiner Berufung, sowohl als Pfarrer als auch als Mensch.













